Das Schmuggeldorf |
© Bild: Andrea Barghi |
| Chitignano, eine kleine
Gebirgsgemeinschaft und Apenninenkreuzweg, ist anders als
andere Dörfer in Casentino; es ist durch seine besondere
geschichtliche Wechselfälle gekennzeichnet. Chitignano
trat als Grafschaft während des Mittelalters auf, unter
der Familie Ubertini, Adelsfamilie aus Arezzo, und
bewahrte die Gerichtsbarkeit auf seinem eigenen Land bis
1779, als der Großherzog Leopold von Lothringen den
alten Lehnssonderrechten endgültig ein Ende machte. Dank
solcher langen politischen und verwaltungsmäßigen
Autonomie, zusammen mit der besonderen geographischen
Lage, war Chitignano gerade ein Durchgangs- und
Grenzland, wo verschiedene Tätigkeiten zur Manipulation
und zum Schmuggel besonderer
Güter wie Tabak und Schießpulver entstanden. Der
Schmuggel, der jahrhundertelang eine Überlebensquelle
für viele Familien in Chitignano bis zum Ende des 2.
Weltkrieges war, wirkte auf die Einstellungen und auf die
Mentalität ein, und zwar auf die Kultur des ganzen
Dorfs. Es gibt eine ganze Menge Anekdoten und
Romangeschichten von Schmugglern, die sich mit
Finanzpolizisten herumschlugen; von weitergeleiteten
Befehlen; von plötzlichen Alarmen, um von der Polizei
wegzulaufen; von abenteuerlichen Reisen bis nach Livorno
und Genua. In der Tat kann unsere Einbildung nicht
umhinkommen, von der Schmugglergestalt mit dem Sack auf
dem Rücken, der sich einsam in der Nacht auf unbekannten
Wegen herumgeht, erregt zu werden. Besonders wenn das von
einem alten Mann des Dorfs oder von einer alten Zigarrenarbeiterin
erzählt wird, die einst für die Verpackung der Zigarren
zuständig war. Auch die Produktion von Schießpulver,
das früher den Gräben entlang in großen Töpfen
mit Handmörsern heimlich vorbereitet war oder mit der
Hilfe von Wasser-betriebenen Stampfen und später in
richtigen Schießpulverwerken hergestellt wurde, war für
das Dorf eine andere wichtige Geldsquelle. Diese Art
Tätigkeit, die uns den Lärm der Flinten einfallen
läßt, scheint uns fast zur Besichtigung des
Ubertini-Schlosses einzuladen. Dieser Bau, Herz des
kleinen aus wenigen Hunderten von Einwohnern bestehenden
unabhängigen Landes, wurde mehrmals vom XIV. bis zum
XVII. Jhd. umstrukturiert und er hat fast bis zur
modernen Zeit fortgelebt. Es enthält noch viele Räume
und bedeutungsvolle Aspekte, die uns von den alten
Tätigkeiten erzählen, die einst dabei durchgeführt
wurden. Diesbezüglich sind der Wachpostenraum und die
Hallen zur Rechtspflege und zum Todesurteil mit
Mauertabernakel, wahrscheinlich ein Verurteiltenaltar
ursprünglich, bestimmt das bedeutungsvollste Element. Neben der Gestalt des Schmugglers, des Räubers, finden wir in diesem Land, fast als Sühnungssinn, eine andere eindrucksvolle Persönlichkeit, und zwar die des Pilgers, der auf dem Weg zur Heiligen Stadt ist. In der Tat wird der Durchgang eines alten mittelalterlichen Wegs, die Straße der Rompilger auf dem Berg Serra, nicht nur in Chitignano sondern auch in den Bauerndörfern von Rosina und Taena dokumentiert, die sich ganz in der Nähe befinden. Die Anwesenheit von Thermalquellen mit Heileigenschaften, ein anderes Merkmal des Dorfs, mußte als Rastort für Reisenden und Pilger eine wichtige Attraktion sein. |